Tibeter in der Schweiz: Gemeinschaft, Kultur und Religion
Ein unabhängiger, sorgfältig recherchierter Überblick von tibet-markets.ch. Keine offizielle Publikation einer tibetischen Organisation.
Wer sind die Tibeterinnen und Tibeter in der Schweiz?
In der Schweiz lebt eine der grössten tibetischen Gemeinschaften Europas. Ihre Geschichte beginnt im Herbst 1960 und reicht bis in die Gegenwart, geprägt von drei sehr unterschiedlichen Generationen und Migrationsgeschichten. Wer heute in der Schweiz tibetische Wurzeln hat, kam auf ganz verschiedenen Wegen hierher: als Flüchtlingskind in den frühen 1960er-Jahren, im Rahmen der Familienzusammenführung ab den 1980er-Jahren, oder in jüngerer Zeit über das Asylverfahren. Diese Seite gibt einen ehrlichen, quellenbasierten Überblick über Geschichte, Gemeinschaft, Religion und die wichtigsten Anlaufstellen, ohne den Anspruch, für die Gemeinschaft zu sprechen.
Kurze Geschichte der Einwanderung, seit 1960
Im Oktober 1960 kamen die ersten tibetischen Flüchtlinge in die Schweiz. Zwanzig Kinder wurden im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen aufgenommen, die ersten Kinder aus einem aussereuropäischen Kulturkreis, die das Dorf je aufgenommen hatte. Zwischen August 1961 und März 1964 folgte ein separates Programm: 158 tibetische Pflegekinder wurden in Schweizer Familien aufgenommen, ein Kapitel, das rückblickend komplexer war, als es damals schien, und heute mit der gebotenen Offenheit betrachtet werden sollte.
Am 29. März 1963 genehmigte der Bundesrat die Aufnahme von bis zu tausend tibetischen Flüchtlingen. Es waren die ersten aussereuropäischen Flüchtlinge, welche die Schweiz aufnahm. Die Schweiz gilt, auch nach Einschätzung der Zentraltibetischen Verwaltung selbst, als das erste westliche Land, das Tibeterinnen und Tibeter in grösserer Zahl aufnahm.
Die ausführliche Geschichte dieser frühen Jahre, mit allen Facetten, lesen Sie in unserem Artikel «Wie Tibeterinnen und Tibeter in die Schweiz kamen».
Drei Generationen, unterschiedliche Migrationsgeschichten
Die tibetische Gemeinschaft in der Schweiz ist nicht einheitlich. Eine 2024 im Auftrag des Bundes erstellte Studie beschreibt die Einwanderung in drei Wellen: die ursprüngliche Flüchtlingsgeneration ab den 1960er-Jahren, eine Migration im Rahmen des Familiennachzugs ab etwa den 1980er-Jahren, und eine neuere Welle seit den 2000er-Jahren unter veränderten asylrechtlichen Bedingungen. Manche Menschen sind hier aufgewachsen und kennen Tibet nur aus den Erzählungen ihrer Grosseltern. Andere kamen als Kinder, wieder andere erst kürzlich. Diese Vielfalt gehört zur Geschichte der Gemeinschaft dazu und sollte nicht zu einer einzigen Erzählung vereinfacht werden.
Gemeinschaft heute: Familie, Jugend, Sprache und Schulen
Die tibetische Gemeinschaft in der Schweiz ist bemerkenswert gut organisiert. Regionale Vereine, Jugendorganisationen und Frauenorganisationen pflegen Sprache, Religion und Kultur aktiv weiter. Ein zentrales Element ist der tibetische Wochenendschulunterricht, in dem Kinder und Jugendliche Sprache, Schrift und Kultur lernen. Nach Angaben der Tibeter Gemeinschaft Schweiz und Liechtenstein besuchten im Juni 2026 rund 706 Schülerinnen und Schüler solche Wochenendschulen, verteilt auf 25 Kantone.
Tibetischer Buddhismus und das Kloster Rikon
Der tibetische Buddhismus prägt das religiöse Leben vieler Tibeterinnen und Tibeter in der Schweiz massgeblich. Im Zentrum steht das Tibet-Institut Rikon im Kanton Zürich, ein tibetisch-buddhistisches Kloster und Kulturzentrum, das am 9. November 1968 unter der Schirmherrschaft des 14. Dalai Lama eingeweiht wurde. Es ist bis heute das einzige Institut seiner Art in der Schweiz, mit einer Bibliothek von rund 10'000 bis 12'000 Titeln und jährlich etwa hundert kulturellen und religiösen Veranstaltungen, viele davon öffentlich zugänglich.
Mehr zur Geschichte und zum Klosterleben in Rikon lesen Sie in unserem Artikel «Das Tibet-Institut Rikon: seit 1968 ein Zentrum tibetisch-buddhistischen Lebens in der Schweiz».
Wichtige Organisationen
Diese Übersicht ist kuratiert, nicht abschliessend. Sie ordnet die wichtigsten Anlaufstellen nach ihrer Rolle, da es sich um sehr unterschiedliche Arten von Organisationen handelt.
Gemeinschaft und Vertretung
- Tibeter Gemeinschaft Schweiz und Liechtenstein (TGSL), gegründet 1973, die zentrale Dachorganisation mit regionalen Sektionen in der ganzen Schweiz und in Liechtenstein. tibetswiss.ch
- Tibet Bureau Genf, gegründet 1964, die offizielle Vertretung des Dalai Lama und der Zentraltibetischen Verwaltung für Zentral- und Osteuropa. tibetoffice.ch
Religion und Kultur
- Tibet-Institut Rikon, tibetisch-buddhistisches Kloster und Kulturzentrum im Kanton Zürich, eingeweiht 1968. tibet-institut.ch
- Tibet Songtsen House, eröffnet 1997, seit 2000 als Verein organisiert, ein Kulturzentrum in Zürich-Oerlikon mit Vorträgen, Filmen, Konzerten, Ausstellungen und Kursen zu tibetischer und weiterer asiatischer Kultur. songtsenhouse.ch
Jugend, Frauen und soziale Unterstützung
- Verein Tibeter Jugend in Europa (VTJE), gegründet 1970, kulturelle, soziale und politische Jugendarbeit in mehreren europäischen Ländern. vtje.org
- Shenpen, eine Beratungs- und Informationsstelle zu Asyl, Verwaltung und Sprachbarrieren, als Projekt des VTJE. shenpen.ch
- Tibetische Frauenorganisation Schweiz (TFOS), kulturelle, soziale und religiöse Anlässe für Frauen. tfos.online
Regionale Gemeinschaften
- Tibetergemeinschaft Basel (TIGBA), aktiv seit 2001, mit Ven. Pema Tenzin als spirituellem Leiter seit 2021.
Schweizer Unterstützung und Verzeichnisse
- Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft (GSTF), gegründet 1983, die grösste Schweizer Nichtregierungsorganisation für Tibet mit rund 1'500 Mitgliedern. gstf.org
- Verein Tibetfreunde, ehrenamtliche Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, vor allem für Tibeterinnen und Tibeter in Indien und Nepal. tibetfreunde.ch
- Schweizerische Buddhistische Union (SBU), ein Verzeichnis buddhistischer Zentren in der Schweiz, filterbar nach Ort und Tradition, selbst keine tibetische Gemeinschaftsorganisation. sbu.net
Bitte beachten Sie: Diese Beschreibungen wurden von tibet-markets.ch sorgfältig recherchiert. Für aktuelle und verbindliche Informationen besuchen Sie bitte die jeweilige Website.
Veranstaltungen und Orte, die man besuchen kann
Das Tibet-Institut Rikon öffnet regelmässig seine Türen für kulturelle und religiöse Veranstaltungen, darunter auch Schulbesuche. Losar, das tibetische Neujahrsfest, wird von der Gemeinschaft in der ganzen Schweiz gefeiert, oft mit öffentlichen Anlässen der regionalen Vereine. Wer mehr über die Feste und ihre Bedeutung erfahren möchte, findet dazu einen eigenen Artikel in unserem Journal.
Wie diese Zahlen zu lesen sind
Je nach Quelle, Erhebungsjahr und Definition werden für die tibetische Bevölkerung in der Schweiz unterschiedliche Zahlen genannt. Eine 2024 im Auftrag des Bundes durchgeführte Studie nennt rund 7'500 Personen. Andere Quellen nennen bis zu 8'000, eine Schätzung aus dem Jahr 2018, die weiterhin verbreitet ist. Der Bundesrat selbst hielt 2025 fest, dass keine neueren, verlässlichen Zahlen vorliegen. Die Zahlen unterscheiden sich unter anderem danach, ob Vereinsmitglieder, Personen tibetischer Herkunft oder Personen mit tibetischen Wurzeln gezählt werden. Aus diesem Grund verzichtet tibet-markets.ch bewusst auf eine einzelne, endgültige Zahl.
Weiterführende Quellen
Schweizerisches Bundesarchiv, Historisches Lexikon der Schweiz, Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten, sowie die Websites der oben genannten Organisationen. Die vollständige Quellenliste finden Sie am Ende unserer vertiefenden Artikel.
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Zuletzt inhaltlich geprüft: 8. August 2026
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